DER MALER CONRAD FRANZ IM PORTRÄT

Malen bis zum Umfallen

VON ANDREAS KLÄNE

In einem Tierpark schoss ihm einst nicht nur der Schreck durch sämtliche Glieder, solche und andere Zoo-Erlebnisse prägten ihn auch. Auf den großen Boulevards von Paris zeichnete er später die Gesichter dieser Welt und erkannte: „Es ist die Tierwelt, die mich wirklich packt.“ Ihren Geheimnissen auf die Spur zu kommen und sie in Bildern sichtbar werden zu lassen, machte er sich zur Lebensaufgabe.

Mit der Wilderei, so erinnert sich Conrad Franz, begann seine Karriere. Wenn er die Steinschleuder auf Spannung gezogen hatte und ins Ziel gegangen war, „dann fiel auch was. So gut wie immer,“ Das sagt er, als halte er seine einstige Treffsicherheit selbst für fast unglaublich. Einst, das war mit 16. Heute ist er 52 und schüttelt den Kopf über seine nicht waidgerechten Jugendtaten. Gegen die Jagd an sich hat er nach wie vor nichts. Im Gegenteil. Er ist häufig mit von der Partie, wenn Jäger Strecke machen. Aber dann schießt Conrad Franz nicht, er fotografiert und beobachtet.

Aus heutiger Sicht habe er damals mit der Schleuder „viel Mist gemacht,“ meint er. Aber sinnlos sei die Schießerei auf alle möglichen Singvögel nicht gewesen. Denn er stellte fest: „Man sieht so ein Tier viel besser, wenn man es in der Hand hat.“ Mit diesem Satz will er keine Binsenweisheit verbreiten, sondern darauf hinweisen, dass Künstler auch „mit den Händen sehen“. Seine Erfahrung: „Wenn man so einen farbenprächtigen Vogel nimmt und ihm unter das Gefieder bläst, entdeckt man zum Beispiel, dass das Untergefieder grau ist.“ Und ein Maler müsse dieses Grau beim Malen berücksichtigen. Als ebenso hilfreich sieht er es an, die Schwingen und möglichst die komplette Anatomie mit den Fingern zu fühlen. Erst dadurch sei er in der Lage, ein Tier weitgehend lebensecht zu malen.

Die geschossenen Vögel legte der junge Conrad Franz dann einem befreundeten Präparator auf den Tisch. Der zeigte ihm, wie er sie konserviert. „Ich wollte die ja malen,“ sagt Franz. „Darum hab ich mir angesehen, wie er sie aufgeschnitten und mit Salz bearbeitet hat.“

Im Grunde hatte er nie etwas anderes im Sinn als – wie sein Vater – Natur- und Wildtiermaler zu werden. Wenn der den Pinsel hinlegte und zur Toilette verschwand, schlich klein Conrad ins Atelier und malte Papas Bild heimlich blitzschnell weiter. „Riesig stolz“ war er, wenn der Vater nichts merkte.

Unbemerkt malt Conrad Franz schon längst nicht mehr. Immer wieder ist er mit seinen Arbeiten auf Europas bedeutendster Ausstellung für Natur- und Wildtiermaler, der „Wild in de Natuur“, im niederländischen Enschede präsent. Auch hat er es wiederholt geschafft, mit seinen Bildern einen Superlativ zu erreichen, nämlich auf der Ausstellung „Birds in Art“ in Wisconsin, USA, vertreten zu sein. Unter Fachleuten gilt sie als Bühne der Besten.

Nie hat der Maler ernsthaft in Erwägung gezogen, etwas anderes als Natur auf die Leinwand zu bringen. Nach seinem Studium an der Kunstgewerbeschule in Wiesbaden zog er für ein Jahr nach Paris. Dort studierte er in einer Deutschklasse für Tiermalerei. An der Seine hatte er aber nicht ausschließlich die Tier- und Pflanzenwelt im Blick. Er postierte sich auf den großen Boulevards, studierte die Gesichter der Welt und zeichnete sie. Bald stellte er fest: „Ich kann das, aber von den Socken reißt es mich nicht.“

Tiere sind es, die es ihm angetan haben. Oft dachte er darüber nach, woher das kommt. Seine Antwort: „Es hat wohl wirklich eine große Bedeutung, was man als Kind erlebt hat.“ Sein Vater schleppte ihn zu seinen Naturstudien regelrecht mit: „Als kleiner Junge musste ich um sechs Uhr raus und mit ihm im Buchenwald Falken beobachten.“ Von klein auf lernte er es, die unterschiedlichen Wildgänse- und Entenarten zu unterscheiden.

Heute lebt der Maler im rheinländischen Hellenthal nahe der belgischen Grenze. Im Sommer verschanzt er sich dort manchmal unter Bäumen, um Schwarzstörche an ihrem Horst zu beobachten. Dort hält sich am Bach auch oft eine Rotte Sauen auf. Schon häufig hat der Maler erlebt, wie sie krachend durchs Gehölz auf ihn zu kommen. „Das ist unheimlich spannend,“ sagt er. „Man sieht nichts von ihnen, und ehe man sie richtig hört, sind die Störche schon abgestrichen. Dann poltern diese Sauen doch tatsächlich direkt auf mich zu, ziehen in fünf, sechs Metern an mir vorbei, und so, wie sie vorbei sind, ist das ganze Spektakel auch schon vorbei. Es ist wieder still im Wald.“

Es sind die Verhaltensformen des Wildes, die ihn besonders interessieren. „Das, was man kaum irgendwo nachlesen kann,“ sagt er, und erzählt ein Erlebnis mit Blaumeisen. Weil er so nah wie möglich an sie herankommen wollte, warf er den ausgeflogenen Jungen hin und wieder etwas zum Fressen vor. Als eines der Jungen nahe an seinen Gartentisch hüpfte, hielt er ihm ein paar Krümel hin und sagte leise zu seiner Frau: „Pass auf, gleich hab ich die Kleine in der Hand.“ Und tatsächlich: Ganz vorsichtig konnte er seine Hand um den kleinen Vogel legen. „Aber,“ und das war das Interessante für den Maler, „dieses Junge blieb nur so lange relativ ruhig bei mir, wie seine Mutter nicht da war.“ Sobald sie sich mit ihrem zirpenden Warnruf meldete, fiel dem Jungen ein, dass es in einer menschlichen Hand fehl am Platz war.

Für Conrad Franz sind es „mächtig beeindruckende Erlebnisse“, die er als Junge im Duisburger Zoo gemacht hat. Sein Vater malte dort im Nebenjob Schautafeln für die Gehege. Klein Conrad ging währenddessen mit einem der Wärter auf Entdeckungsreise. Dieser Mann öffnete ihm Gitter und Türen. Noch heute blitzen die Augen des Malers, wenn er erzählt, wie Gibbon-Affen ihm neugierig an Hose und Pullover zupften. Und dann der ganz große Schreck: Der Wärter spießte einen dicken Klumpen Pferdefleisch auf einen langen Eisenhaken und hielt ihn Conrad vor die Nase. Noch am Grübeln, welche Stelle dieser Klumpen wohl am lebenden Pferd eingenommen hatte, fuhr ihm plötzlich die Panik durch sämtliche Glieder als ein monströses Etwas aus dem Wasser schoss: „Ein Krokodil hatte unmittelbar vor mir seine riesige Klappe aufgerissen, und schon war das Pferdefleisch verschwunden.“

Conrad Franz glaubt, solche unmittelbaren Kontakte zur Natur und vor allem zu Tieren hinterließen Spuren fürs Leben. „Ich bin mir ziemlich sicher,“ sagt er, „weil ich die Natur als Kind so direkt vermittelt bekommen und erlebt habe, ist sie mir heute so wichtig.“

Seine eigene Begeisterung will er den Betrachtern seiner Bilder vermitteln. Wenn er eine Rebhuhnkette in klirrendkalter Schneelandschaft gemalt hat, soll sich in den Köpfen der Menschen etwas regen. Sie sollen sich vor den Bildern an ihre eigenen beeindruckenden Erlebnisse in der Natur erinnern. Das gilt für die Szenen aus heimischen Revieren ebenso wie für die Darstellung eines Leoparden, der sich in der Glut der afrikanischen Steppe räkelt.

Conrad Franz weiß: Um das zu erreichen, müssen Form, Licht und Farbe stimmen. Aber er ist sich auch sicher, dass das alleine nicht reicht. Er ist der Auffassung: „Wer das Faszinierende einer gemalten Naturszene als faszinierend nachempfinden will, muss Natur auch kennen - muss Erfahrungen darin gemacht haben.“ Aber in einer Gesellschaft, die immer städtischer lebe, komme diese Erfahrung zu kurz. Dies sei unter anderem ein Grund dafür, dass Tiermalerei von der allgemeinen Kunstwelt in Deutschland kaum noch anerkannt werde. Sie behaupte, es gebe am Tier nichts, was künstlerisch dargestellt werden könne. Conrad Franz hält diese Auffassung für „überheblich“, wundert sich jedoch nicht über ihre weite Verbreitung. Er sagt: „Wer nie beobachtet hat, wie Wildtiere sich in freier Wildbahn verhalten, den können sie kaum faszinieren.“

Der Hellenthaler Maler hat kein Problem mit der Spezies Menschen als Krone der Schöpfung. Er glaubt allerdings, ihr entgehe viel Wunderbares in der Tierwelt, wenn sie ihre eigene Gattung als die einzig wertvolle betrachte. Aufgrund seiner Erlebnisse mit Tieren stört es ihn, wenn jemand schändliches Handeln von Menschen mit der Redewendung quittiert: „Die benehmen sich ja wie die Tiere.“

Ihm liegt es fern, Tiere vermenschlicht darzustellen. Conrad Franz nennt ein Beispiel, das deutlich macht, was im 19. Jahrhundert, zur Blütezeit der Tiermalerei, Gang und Gäbe war. Ein Bild des damals überaus erfolgreichen Malers Professor Paul Meyerheim trägt den Titel „Die eifersüchtige Löwin“. Es zeigt eine Dompteuse im prächtigen Kostüm mit der obligaten Peitsche in der Hand. Sie steht vor einem Käfigwagen, in dem sich ein Löwenpärchen befindet. Mit demonstrativer Geste krault sie den aufrecht stehenden Löwen, und es ist ganz offensichtlich diese zarte Geste, die die Eifersucht der Löwin aufs Äußerste reizt. Sie fletscht die Zähne, fährt ihre Krallen aus, faucht ihre „Rivalin“ an und versucht, sie durch einen Prankenhieb durch die Käfigstäbe in ihre Schranken zu weisen.

An dieser Szene werde deutlich, so Franz, dass das eigentliche Thema des Bildes nicht die Tiere selbst seien. Vielmehr gehe es um die Eifersucht als „Ausdruck des Konkurrenzkampfes unter den Geschlechtern“.

Aber warum stellten Maler damals Tiere mit menschlichem Verhalten dar? Der Historiker Kai Artinger ist diesem Thema in seiner Doktorarbeit nachgegangen. Darin schreibt er, der Mensch habe nach Erklärungen für tierisches Verhalten gesucht, das ihm fremd sei. Und um dieses Unbekannte zu deuten, „holte er sich selbst, das ihm Bekannteste, heran.“ Aus diesem Vorgehen ergebe sich, dass der Mensch sich als Mittelpunkt der Welt erklärte. So gesehen sei er als Zentrum der Schöpfung Maßstab für die Natur, und die Welt außerhalb des Menschen, die Tierwelt, werde zu einer „menschlichen“ Welt. Das heiße aber nicht, dass die Natur damals mit der menschlichen Kultur gleichwertig gewesen sei. Die Natur habe als unvollkommen gegolten. Nur durch den Menschen werde sie optimiert, ohne jedoch jemals die vom Menschen angestrebte Vollkommenheit erreichen zu können. Darum verbreitete der Dichter und Denker Jean Paul damals die Auffassung, dass die Natur für den Menschen „in ewiger Menschwerdung begriffen ist“.

Conrad Franz will Tiere und Pflanzen malen, wie sie sind. Er verspürt keinen Drang, ihnen menschliches Verhalten auf den Leib zu malen, weil er bei seinen leidenschaftlichen Beobachtungen immer wieder feststellt: „Tiere sind anders als der Mensch.“ Er sagt: „Vieles an ihnen ist so geheimnisvoll, und ich möchte es enträtseln.“

Allerdings gab es eine Phase in seinem Leben, in der er Tiere weniger wirklichkeitsgetreu, dafür aber umso amüsanter in Szene setzte. Das war in den Jahren, als er für den Süßwarenherstellers Haribo zum Stift griff. Zahlreiche Tierfiguren und Pflanzen mit menschlichem Antlitz haben noch heute ihren Platz auf den Tüten, deren Inhalt nicht nur Kinder froh machen soll.

Mit großer Begeisterung las er als Kind die Geschichten des indischen Jägers Jim Corbett. Die indische Regierung hatte diesen Mann, von dem es hieß, er lese den Dschungel wie ein offenes Buch, beauftragt, „menschenfressende Tiger“ zu bejagen. Eine seiner legendärsten Taten war die Tötung des Tigers Rudraprayag. Ihm waren zwischen 1918 und 1926 sage und schreibe 125 Menschen zum Opfer gefallen. Aus Corbetts Büchern weiß Conrad Franz, warum manche dieser Großkatzen immer wieder zu Menschenfressern wurden: „Corbett fand heraus: Viele von ihnen hatten beispielsweise eine Verletzung an der Pranke. Damit waren sie nicht mehr fit genug, andere Tiere zu schlagen, also machten sie sich an Menschen heran.“

Eine Schilderung Corbetts geistert dem Maler seit Jahrzehnten durch den Kopf. Es geht um einen Tiger, der wiederholt mucksmäuschenstill in die Schlafräume indischer Arbeiter eindrang. Dort lagen die Männer Bett an Bett nebeneinander, aber der Tiger riss sich nie den Erstbesten heraus. Was Conrad Franz geradezu mysteriös und geheimnisvoll findet, ist: „Der ist manchmal über drei, vier Männer hinweg gestiegen, um sich einen ganz bestimmten zu holen. Und nie hat einer was bemerkt.“

Die gefährlich-eleganten Großkatzen haben es dem Maler angetan. Mehrfach hat er sie auf dem afrikanischen Kontinent beobachtet. „Ich finde sie zwar herrlich,“ sagt er, „aber trotzdem male ich am liebsten die heimischen Vögel. Wahrscheinlich weil ich sie schon als Kind mit meinen Vater so intensiv beobachtet habe.“

Wenn der Maler in seinem Hellenthaler Atelier auf einem Hocker sitzend erzählt, scheint genau dieser Ort seine Welt zu sein. Umgeben von neun mal fünfzehn Metern Raum und einem Farbenduft, den seine eigene Nase schon lange nicht mehr wahrnimmt, wirkt er kaum wie der Herr im Hause. Diese Rolle übernehmen kleine bis überdimensional große an die Wände gelehnte Naturwelten, die seine Hände geschaffen haben. Das tägliche Alleinsein in diesem Raum scheint ihn nicht einsam gemacht zu haben. Eher in sich und seiner Arbeit ruhend – halt ausgewogen. Letzteres wird auf jedem seiner Bilder zeichenhaft sichtbar. Denn dieser Maler drückt ihnen nicht nur mit seinem Namenszug seinen „Stempel“ auf. Als echter „Conrad Franz“ sind sie auf Anhieb auch an seinem Sternzeichen zu identifizieren: der Waage.

Sein In-sich-Ruhen macht ihn jedoch nicht frei von Zielen. Eines, das er immer verfolgte, ist der intensive Austausch über Farben und Techniken mit anderen Künstlerkollegen. Er sagt: „Ich will immer dazulernen, habe aber auch kein Problem, mein Wissen weiter zu geben.“ Sein zweites und letztes Ziel formuliert er so: „Möglichst bis 80 arbeiten und vor der Staffelei tot umfallen.“